
Momentmarketing? Ja.
Memes nutzen? Why not.
Klargesichter zeigen (im Originalpost sind sie nicht verpixelt)? Ganz klar: No.
Eine Kiss-Cam filmt zwei Menschen bei Coldplay. Beide drehen sich erschrocken weg. Blöd nur: Es ist der CEO eines Sofware-Unicorns (Bewertung: 1.3 Mrd. Dollar) – und sie seine HR-Chefin. Noch blöder: Er ist verheiratet – aber nicht mit ihr. TikTok explodiert. Reddit identifiziert. LinkedIn diskutiert. Sixt memetisiert. Nun könnten Medien eine Stimme der Vernunft sein – gerade dann, wenn der kommentierende Sofortismus losbricht. Doch viele versagen – und das nicht zum ersten Mal (siehe Sylt-Skandal). Wie kann es erneut passieren, dass etablierte Medien wie SPIEGEL, BILD, STERN, FAZ oder Süddeutsche die unverpixelten Gesichter zweier Privatpersonen zeigen – unter Missachtung ethischer und juristischer Grenzen? Wir reden über zwei Erwachsene, die (vermutlich) eine private Entscheidung getroffen haben. Moralisch fragwürdig? Mag sein. Aber wissen wir, ob es wirklich eine Affäre ist? Vielleicht wussten die Ehepartner längst Bescheid. Vielleicht führen sie offene Ehen. Und was geht uns das eigentlich an?
Juristisch befinden wir uns auf dünnem Eis. Das ursprüngliche Konzertvideo fällt wohl unter die AGB des Veranstalters. Aber: Die Weiterverbreitung in kommerziellen Kontexten, ohne Einwilligung, und mit erkennbaren Gesichtern bewegt sich nicht nur in einer Grauzone, sondern sehr wahrscheinlich außerhalb des rechtlich Zulässigen. Was wiegt schwerer: das öffentliche Interesse oder das Persönlichkeitsrecht? Andy Byron war bis vor wenigen Tagen CEO eines nicht börsennotierten Tech-Startups mit ein paar Hundert Mitarbeitenden. Kein Politiker. Kein Konzernvorstand. Kein Promi. Wo also liegt das öffentliche Interesse, das eine flächendeckende Berichterstattung mit Klarnamen und Bildmaterial rechtfertigt? Was genau ist die Relevanz – außer Voyeurismus?
Noch gravierender ist die Lage der Frau im Video. Kein öffentlicher Status. Kein öffentlicher Account. Keine Einwilligung. Nur eine implizit inszenierte Affäre. Heute kennt die halbe Welt ihr Gesicht. Ihren Namen. Ohne Kontext. Ohne Schutz. Ohne ihre Stimme. Rein rechtlich? Denkbar wären eine Unterlassungsklage, Geldentschädigung, Abmahnung. Aber: Sie lebt in den USA. Der Weg gegen deutsche Medien ist lang, teuer, und unrealistisch. Und genau das wissen diese Medien auch.
Ein gefährlicher Präzedenzfall: Ein virales Video ist kein Freifahrtschein. Eine Kiss-Cam kein Rechercheerfolg. Und Privatsphäre kein Nice-to-have, das man für Klicks opfern darf. Wer jetzt sagt „Selber schuld“, verkennt das Problem. Es geht nicht um Moral. Es geht um Maßstäbe. Wir regulieren DSGVO-Pflichten bis ins Kleinste: Schulleitungen werden abgemahnt, wenn sie Namenslisten führen. Ehrenamtliche riskieren Strafen wegen WhatsApp-Gruppen. Aber wenn ein Konzertvideo viral geht? Dann gelten plötzlich keine Regeln mehr? Was früher Klatsch war, heißt heute Digital Storytelling. Was früher Boulevard war, läuft unter Reichweitenjournalismus. Was früher rote Linien waren, reißen wir heute mit dem Satz „Ist doch schon viral“ einfach ein.
Auch Marken wie Astra lassen sich vom Wunsch nach Viralität anstecken. Immerhin erkannte Matthias Maurer, CEO der dahinterstehenden Werbeagentur La Red, das vorschnelle Handeln; der Post wurde offline genommen, das folgende Statement veröffentlicht: "Wir haben uns heute morgen im Team mit unserem Kunden dazu zusammengesetzt und beschlossen, das Posting auf Instagram zu löschen. (...) Manchmal ist das halt so, wenn man schnell sein will, wir haben uns mitreissen lassen. Das betrifft in diesem Fall die Persönlichkeitsrechte und auch die moralischen Überlegungen, die wir nachvollziehen können. Wir lernen daraus."
Und: Es gibt auch Positivbeispiele: DIE ZEIT berichtet zurückhaltend und ohne Gesichter. Die taz nennt (und zeigt) zumindest die Frau nicht.
Aber: FAZ, Süddeutsche, SPIEGEL, Tagesspiegel, Stern, BILD, Welt? Alle zeigen die Gesichter, ohne Not, Kontext, Rücksicht.
Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Sichtbarkeit wichtiger ist als Persönlichkeitsschutz?
Dann brauchen wir: Neue Regeln für neue Realitäten und journalistische Integrität. Denn genau hier verläuft die Grenze zwischen schnellem Gag und echter Verantwortung für Marke und Betroffene. Und wer jetzt argumentiert, die beiden seien selbst Schuld: Die Stärke einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie sie mit den Schwächsten (und das sind Betroffenen hier aktuell) umgehen, ob sie Schadenfreude überwinden und Mitgefühl zeigen kann – sogar in Situationen vermeintlicher moralischer Überlegenheit.
Mein Appell an alle Markenverantwortlichen: Nutzt kulturelle Relevanz, spielt mit Formaten, Sprache, Timing und Moment Marketing - aber vergesst nicht: Menschen sind keine Werbefläche. Schon gar nicht ungefragt.
Wer bis hierhin mitgelesen hat, kann zwei Dinge tun:
Als Leserin oder Leser hinterfragen: Welche Medien verdienen meine Aufmerksamkeit und welche ein bezahltes Abo?
Als Bürgerin oder Bürger melden: Der Presserat nimmt Beschwerden online entgegen.
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