Sechs Millionen Aufrufe. Fast fünf Stunden Gesprächszeit. Ein Interviewer, der sich ausdrücklich nicht als Journalist versteht. Und ein Gast, den ein Verwaltungsgericht als Faschisten bezeichnen durfte, weil diese Einschätzung auf überprüfbaren Tatsachen beruht. Das Gespräch zwischen dem Podcaster Ben (»Ben ungeskriptet«) und Björn Höcke ist womöglich das viralste deutsche Video dieses Jahres. Die Reaktionen darauf folgen inzwischen einem vertrauten Muster: Politiker empören sich, Journalisten kritisieren das Gespräch, andere wiederum verteidigen es reflexhaft als mutigen Beitrag zur Meinungsfreiheit. Und genau darin liegt bereits das eigentliche Problem, denn die gesamte Debatte dreht sich um die falsche Frage.
Die relevante Frage lautet nicht, ob man mit Höcke reden darf. Natürlich darf man das. Eine demokratische Öffentlichkeit kann nicht ernsthaft behaupten, bestimmte politische Akteure seien gleichzeitig zu gefährlich für Interviews, aber relevant genug, um in Parlamenten zu sitzen.
Zunächst, was für Ben spricht: Er setzt sich mit Menschen unterschiedlichster Positionen zusammen. Er will verstehen, nicht canceln. In einer aufgeladenen, polarisierten Gesellschaft ist das keine Selbstverständlichkeit. Und er wusste, dass ihn dieses Gespräch Gegenwind kosten würde und machte es trotzdem.
Was kritisiert werden muss, ist die handwerkliche Qualität. Wer Höcke interviewt, braucht mehr als Neugier. Es braucht Vorbereitung, Kenntnis der historischen Codes, der rhetorischen Strategien, der Widersprüche im Werk dieses Mannes, ohne das gewinnt Höcke allein durch Sendezeit – ruhig, ausführlich, unwidersprochen.
Ben versteht sich selbst nicht als Journalist: »Ich halte mich auch nicht als ein Repräsentanten der Medien. Ich habe einfach angefangen, Leute einzuladen.« Das ist sein Selbstbild und man kann es ihm abnehmen. Trotzdem, oder gerade deshalb, wiegt das Folgende schwer: Obwohl das Gespräch sich über fast fünf Stunden durch die deutsche Geschichte bewegt, fällt das Wort Holocaust kein einziges Mal. Das ist kein Zufall. Das ist Methode und es hätte Thema werden müssen. Selbst Joe Rogan (ein kontroverser amerikanischer Podcaster), sicher kein Vorbild an journalistischer Strenge, unterbricht Gäste bisweilen und fordert Belege. Das bleibt hier aus.
Der Spiegel portätiert Ben auf Basis seiner Biografie, es werden nicht seine Argumente angegriffen, sondern er als Person. Ad hominem, klassisch. Andere Redaktionen folgen mit Empörung und Stilkritik und bescheren dem Gespräch damit ein Millionenpublikum. Streisand-Effekt in Echtzeit. Niemand scheint es zu bemerken.
Dabei stellt die Süddeutsche Zeitung in ihrer eigenen Analyse etwas fest, das in der Empörungswelle fast untergeht: Das Interview war in Teilen ergiebiger, als ein konfrontatives Interview es gewesen wäre. Nicht weil Ben besonders gut vorbereitet war, sondern weil Höcke sich in 276 Minuten selbst entlarvt. Wer wirklich hinhört, lernt etwas über seine Strategie.Das geht allerdings in der Empörungswelle unter.
Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat das Dilemma ehrlich benannt: Etablierte Redaktionen interviewen Höcke seit Jahren nicht und das ganz bewusst, um ihm keine Bühne zu bieten. Jetzt füllt jemand anderes diesen Raum, ungefiltert und ohne journalistische Verantwortung. Und der Nimbus der Unbesiegbarkeit, den die Verweigerung mitproduziert hat, wirkt fort.
»Wir geben ihm durch das Nicht-Interviewen den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Und
das finde ich schwierig.«
Die Brandmauerstrategie etablierter Medien hat exakt den Markt geschaffen, den Formate wie Bens heute füllen. Die Reaktion der Medien auf dieses Interview ist damit selbst Teil des Problems, das sie kritisieren.
Saskia Esken (Politikerin der SPD) fordert, Unternehmen sollten ihre Werbung aus dem Podcast zurückziehen. Die Absicht ist nachvollziehbar. Kommunikativ ist es eine Katastrophe.
Denn der Konflikt verschiebt sich sofort weg von der berechtigten Frage nach journalistischer Qualität, hin zur Frage, ob eine SPD-Politikerin Gespräche ökonomisch sanktionieren will, die ihr politisch nicht passen. Das Narrativ ist sofort da: Die da oben wollen nicht, dass ihr das seht. In einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber Institutionen ohnehin hoch ist, ist das kein Gegenargument. Es ist Brandbeschleuniger.
Ben antwortet auf die Kritik, nicht in einem großen Medium, nicht in einem offenen Brief, sondern in der Jungen Freiheit. Dieser Schauplatz ist ein Signal, bewusst oder nicht. Und was er dort sagt, ist mindestens so aufschlussreich wie die Plattform: Er würde sein Konzept nicht ändern, weil ihm niemand garantieren könne, dass seine Reichweite dann konstant bliebe. Ein erfrischend ehrlicher Satz. Und ein entlarvender, denn er zeigt, dass es bei »Ben ungeskriptet« nicht nur ums Verstehen geht. Reichweite ist das Ziel, das Interview war das Mittel.
Creator Economy und Journalismus wachsen zusammen, ob man das will oder nicht. Ein einzelnes Podcast-Gespräch erreicht mehr Menschen als die meisten Leitartikel im Jahr. Das erzeugt Einfluss und eben dieser Einfluss erzeugt Verantwortung, ob man sie einfordert oder nicht. Die Kommentarspalte ist kein Abbild einer gesellschaftlichen Debatte. Sie mag aussehen wie Konsens, da niemand widerspricht aber es fehlt auch der Raum für Widerspruch. Guter Journalismus sucht aktiv den Widerspruch, nicht um Ausgewogenheit zu simulieren, sondern weil Widerspruch der einzige Weg ist, Positionen wirklich zu testen.
Schwierige Gespräche zu meiden und sich hinter einer journalistischen Brandmauer zu verschanzen ist wahrscheinlich die kontraproduktivste Strategie, die Redaktionen wählen können. Sie befeuert das Narrativ von David gegen Goliath. Sie macht Randakteure zu Märtyrern und Verteidigern der Redefreiheit. Und sie überlässt das Feld denen, die keine journalistische Verantwortung kennen oder kennen wollen.
Das Interview hätte nicht verboten, boykottiert oder ökonomisch sanktioniert werden sollen. Es hätte besser und vor allem präziser und herausfordernder gemacht werden müssen, mit Vorbereitung, mit Nachfragen, mit Faktenchecks und Einordnungen an den richtigen Stellen.
Die journalistische Kritik ist inhaltlich berechtigt, aber sie trifft nicht immer den richtigen Ton, und sie hat dem Video ungewollt genutzt. Die politische Reaktion war strategisch desaströs. Und das eigentliche Problem liegt tiefer als Ben, tiefer als Höcke, tiefer als diese eine Debatte. Es liegt in einer Medienlandschaft, die sich selbst aus dem Raum gedrängt hat und sich nun wundert, wer ihn füllt.
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